Tägliche Archive: 1. Oktober 2017

Nach unten zu treten, ist leicht

Es war stets rechte Politik, Arger und Frust der Bevölkerung gegen die schwächsten Gruppen der Gesellschaft zu kanalisieren. Die Mächtigen im Lande, in deren Händen sich immer mehr Reichtum konzentriert und die die Verantwortung für die Ausbreitung des Niedriglohnsektor und von Leiharbeit, für Harzt IV, die planmäßig betriebene Absenkung des Rentenniveaus, die Erhöhung des Renteneintrittsalters und die Einstellung des sozialen Wohnungsbaus tragen, sie sollen aus der Schusslinie genommen werden. Wer wäre als Sündenbock besser geeignet, wer könnte sich weniger wehren als die Asylsuchenden?

Die Frage aber, wer hat Abermillionen zu Flüchtlingen gemacht, die Lebensgrundlagen und Infrastruktur in ihren Heimatländern, ihre Häuser  und Hab und Gut zerstört, wird nicht gestellt. Die Flüchtlinge kommen vor allem aus Ländern wie Syrien, Afghanistan, dem Irak, Libyen oder Somalia, die in den letzten Jahren Opfer offener oder verdeckter  Kriegsführung der US und Nato-Staaten waren. Werfen wir einen Blick auf  Afghanistan. Das Land wurde unter Bruch der UN-Charta 2001 angegriffen und besetzt. Als Vorwand diente die Behauptung, es wäre in die Anschläge des 11. September verwickelt. Belege haben die USA bis heute nicht vorgelegt. Der angebliche Hauptverantwortliche, der saudi – arabischer Millionär Osama Bin Laden ist längst tot. Trotzdem sind die USA und Nato mit ihren Militärstützpunkten in Afghanistan geblieben und auch die Bundeswehr ist dabei. Sie haben in Kabul eine Marionettenregierung eingesetzt, die das Land ihren Konzernen zur Ausplünderung überlässt. Gegen den wachsenden Widerstand der Bevölkerung halten sie diese Marionettenregierung mit Gewalt an der Macht. Was ist das Ergebnis ihrer Politik der letzten 16 Jahre ? 40% der afghanischen Kinder, so UNICEF, sind heute chronisch unterernährt. 75% der Bevölkerung haben keinen Zugang zu sauberen Trinkwasser. Wegen der bedrückenden Armut im Lande müssen auch die Kinder Geld verdienen, so dass nur 40% der Mädchen eine Grundschule besuchen. Gleichzeitig steigt die Zahl der zivilen Opfer durch den Krieg. Nur in einem Bereich ist Afghanistan Spitze, seit die Nato dort ist: es ist Weltmeister im Opium-Export! Müssen wir uns da über Flüchtlinge aus dem Land wundern? Warum sieht man an aber jeder Ecke Plakate, die Stimmung gegen die Asylsuchenden und ihre Religion machen, aber kein Plakat, das endlich den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan fordert?  Als Afghanistan, Irak und Libyen zerbombt, in Syrien „gemässigte“ Jihadisten von den Nato-Staaten mit Waffen beliefert und gegen dieses Land umfassende Wirtschafts- und Finanzsanktionen verhängt wurden, die die syrische Bevölkerung ins Elend stürzten, hat keiner von denen, die heute gegen die Flüchtlinge Stimmung machen, protestiert. Dazu hätte es Mut gebraucht. Aber warum sich mit den Mächtigen oder gar der Rüstungsmafia anlegen, wenn man sich so leicht an den Flüchtlingen austoben kann?

Lesebrief Bernd Duschner, Donaukurier 22. September 2017.