{"id":266,"date":"2011-08-14T13:12:56","date_gmt":"2011-08-14T13:12:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.freundschaft-mit-valjevo.de\/wordpress\/?p=266"},"modified":"2012-01-11T21:32:41","modified_gmt":"2012-01-11T21:32:41","slug":"das-leben-unter-den-bomben-und-dem-embargo-der-natoreisebericht-des-italienischen-unternehmers-alessandro-londero","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freundschaft-mit-valjevo.de\/wordpress\/das-leben-unter-den-bomben-und-dem-embargo-der-natoreisebericht-des-italienischen-unternehmers-alessandro-londero\/","title":{"rendered":"Das Leben in Libyen unter den Bomben und dem Embargo der NATO<br>Reisebericht des italienischen Unternehmers Alessandro Londero"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wir sind eine Gruppe von Italienern, 4 M\u00e4nner und 4 Frauen. Am 28. Juli waren wir in Libyen eingetroffen. Wir sind als Privatleute gereist, nicht als Mitglieder einer Agentur. Wir versuchen, etwas f\u00fcr diese Menschen zu tun, zu berichten, was wir sehen, die Medien zu sensibilisieren und eine humanit\u00e4re Aktion in Gang zu setzen, die Lebensmittel und Hilfe bringen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Lage in Tripolis erschien uns bei unserer Ankunft gut zu sein. Wir hatten die tunesische Grenze von Djerba kommend \u00fcber Ras Ajdir \u00fcberquert und waren nach einer schweren Reise entlang der gef\u00e4hrlichen K\u00fcstenstrasse Richtung Sabratha und Tajura in Tripolis angekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Situation an der Grenze ist sehr angespannt. Auf beiden Seiten gab es kilometerlange Schlangen von Reisenden. Viele Libyer kehrten zur\u00fcck, um den Ramadan in ihrer gemarterten Heimat zu verbringen, andere verlie\u00dfen das Land auf dem Weg nach Tunesien oder um zu versuchen, sich mit Benzin einzudecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aktuell geh\u00f6rt der Mangel an Treibstoff zu Problemen, die sofort ins Auge fallen. Die einzigen beiden Tankstellen, die wir auf unserer n\u00e4chtlichen\u00a0Reise (rund 300\u00a0<span class=\"Apple-style-span\" style=\"line-height: 19px;\"><span class=\"Apple-style-span\" style=\"line-height: 18px;\">km) vorfanden, wurden von Fahrzeugen, die auf ihre \u00d6ffnung warteten,\u00a0<\/span><\/span><span class=\"Apple-style-span\" style=\"line-height: 19px;\"><span class=\"Apple-style-span\" style=\"line-height: 18px;\">buchst\u00e4blich belagert. Es d\u00fcrften 2-3 Tausend Autos vor jeder Tankstelle gewartet haben.\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<figure style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"margin-top: 2px; margin-bottom: 2px; margin-left: 0px; margin-right: 0px; border-width: 1px; border-color: black; border-style: solid;\" title=\"verletztes_kind\" src=\"https:\/\/www.freundschaft-mit-valjevo.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/verletztes_kind3-300x225.jpg\" alt=\"Verletztes Kind\" width=\"300\" height=\"225\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Von NATO-Bomben verletztes Kind<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"Apple-style-span\" style=\"line-height: 19px;\"><span class=\"Apple-style-span\" style=\"line-height: 18px;\">Die Libyer wechseln sich ab. Eine Person k\u00fcmmert sich\u00a0<\/span><\/span><span class=\"Apple-style-span\" style=\"line-height: 18px;\">jeweils um 8, 9, 10 Autos, schiebt mit eines nach dem anderen mit der Hand m\u00fchsam jede\u00a0<\/span>Stunde einige Meter weiter. Wahrscheinlich braucht man mehrere Tage, um endlich bis zur Tankstelle vorzukommen in der Hoffnung, dass diese noch gen\u00fcgend Treibstoff hat (vergebliche Hoffnung. Bei der R\u00fcckfahrt gab es keine Reihen mehr, Benzin war nicht mehr aufzutreiben).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach unserer Ankunft im Rixos, einem 5 Sterne Hotel f\u00fcr Journalisten, dem einzigen, das noch richtig arbeitet, haben wir die ersten Bomben wahrgenommen. Die Explosionen dauerten mit einer kleinen Unterbrechung zwischen dem 1. und 2. August die ganze Zeit an und wurden danach st\u00e4rker als je zuvor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unglaublicherweise haben wir uns nach 2-3 Tagen an sie gew\u00f6hnt. Das L\u00e4rm der Bomben bildete eine makabre Ger\u00e4uschkulisse, die uns st\u00e4ndig begleitete. Die Leute in Tripolis und den anderen St\u00e4dten in diesem Landesteil wie Zuwarah, Surman, Az-Zawiyah, Zlitan sind stark vom Krieg betroffen. Dieser Krieg hat unter der Bev\u00f6lkerung zu einem beeindruckenden Zusammenhalt und Zusammenarbeit gef\u00fchrt. Sie helfen sich mit den Autos aus. Wer zu Fu\u00df ist, wie der gr\u00f6\u00dfte Teil, wird mitgenommen. Wer ein Fahrzeug ohne Benzin hat, zahlt dem, der noch ein halbwegs fahrendes Fahrzeug hat, einen Dinar. \u00d6ffentliche Verkehrsmittel gibt es praktisch nicht mehr. Immer weniger Gesch\u00e4fte sind ge\u00f6ffnet. Lebensmittel und grundlegende Versorgungsg\u00fcter werden zur Mangelware.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Nato bombt weiter, trifft milit\u00e4rische Ziele und manchmal unbeabsichtigt (?) auch zivile Ziele; in den letzten Tage geh\u00f6rten zu ihren Angriffszielen leider auch wichtige zivile Einrichtungen: Stromkraftwerke, Leitungen, Rundfunk und Fernsehen. H\u00e4ufig gibt es in der Stadt kein Licht und Wasser. Das systematische Bombardieren hat nichts mit einer \u201eFlugverbotszone\u201c zu tun. Selbst wenn eine solche in korrekter Weise eingerichtet worden w\u00e4re, g\u00e4be es daf\u00fcr keine Rechtsgrundlage. Dieses Instrument darf nicht bei internen Konflikten eingesetzt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 31 Juli wurde auch das libysche Fernsehen bombardiert. Mit ihm wurde die Informationsfreiheit bombardiert. Nach wenigen Stunden Unterbrechung ging die Station wieder auf Sendung. Die Nato hat die Bombardierung der Sender und die 3 Toten und 15 Verletzten damit gerechtfertigt, die Sender w\u00fcrden mit ihren Bildern zur Gewalt aufstacheln. Wir haben aber diese Sendungen gesehen: Sie zeigten Menschen, die demonstrierten, Berichte \u00fcber den Krieg, Interviews, Nachrichten, politische Propaganda und hin und wieder auch eine Seifenoper und Werbung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit dem 1. August feiert man in Libyen den Ramadan und fastet. Von 5 Uhr am Morgen bis 8 Uhr am\u00a0<span class=\"Apple-style-span\" style=\"line-height: 19px;\">Abend isst und trinkt man nicht. Wenn man abends den K\u00fchlschrank \u00f6ffnet, findet man nur Ware, die<\/span><span class=\"Apple-style-span\" style=\"line-height: 19px;\">\u00a0dabei ist, kaputt zu gehen oder schon verdorben ist. Zwei Tage ohne Strom bei 35-37 Grad bedeuten,<\/span><\/p>\n<div class=\"mceTemp\" style=\"text-align: justify;\">\n<dl id=\"\" class=\"wp-caption alignright\" style=\"width: 310px;\">\n<dt class=\"wp-caption-dt\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" \" style=\"border-width: 1px; border-color: black; border-style: solid; margin: 2px;\" title=\"zerstoertes_wohnhaus\" src=\"https:\/\/www.freundschaft-mit-valjevo.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/zerstoertes_wohnhaus2-300x168.jpg\" alt=\"Zerst\u00f6rtes Wohnhaus\" width=\"300\" height=\"168\" \/><\/dt>\n<dd class=\"wp-caption-dd\">Zerst\u00f6rtes Wohnhaus<\/dd>\n<\/dl>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"Apple-style-span\" style=\"line-height: 19px;\">dass alles verdirbt. Aus der Ferne versteht man nicht, was es hei\u00dft, wenn es kein Benzin gibt, um einzukaufen zu k\u00f6nnen, die Superm\u00e4rkte sich leeren, die Vorr\u00e4te kaputtgehen, weil der Strom fehlt. Es leiden Menschen, denen es vorher gut ging, und deren Leben jetzt zerst\u00f6rt ist. Kleine Kinder erhalten keine Milch mehr, Diabetiker, k\u00f6nnen ihr Insulin nicht gek\u00fchlt halten. (Das sind nur kleine Beispiele, an die man aus der Ferne nicht denkt).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sieht leider danach aus, als ob es die Resolution 1973 erm\u00f6glicht und erlaubt, ein Volk in eine solche Notlage zu bringen, dass ihm jegliche Mittel fehlen, um sich zu wehren, es eben v\u00f6llig ersch\u00f6pft ist. Die Schw\u00e4chsten, die Kinder und Alten sind davon am st\u00e4rksten betroffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Leute versuchen alles, um den Eindruck zu erwecken, das Leben gehe normal weiter. Am Freitag f\u00fcllen sich die Str\u00e4nde, w\u00e4hrend von oben das be\u00e4ngstigende Brummen der Jagdflieger zu h\u00f6ren ist, die ungest\u00f6rt \u00fcber den K\u00f6pfen kreisen. Luftwaffe und Marine wurden durch die Angriffen der Nato zerst\u00f6rt. Deshalb ist es f\u00fcr sie ein gefahrloses Kinderspiel, \u00fcber Tripolis hinwegzufliegen. Die einzigen verbliebenen Mittel zur Verteidigung sind jetzt leichte Artillerie und Kalaschnikows. Sie wurden Millionenfach an die Bev\u00f6lkerung verteilt. Nach dem Gebet str\u00f6men die Leute auf die Marktpl\u00e4tze und schreien ihre Wut hinaus. Sie richten ihren Blick hinauf zum Himmel, wo die Flugzeuge der Alliierten mit ihrer Arbeit zum \u201eSchutz der Zivilisten\u201c erbarmungslos fortfahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 3. August fuhren wir zusammen mit Journalisten nach Zlitan. Am Tag zuvor hatte uns der libysche Pressesprecher Mussa Ibrahim bei einer Pressekonferenz gesagt, dass wir diese Stadt am n\u00e4chsten Tag besuchen k\u00f6nnten. Sie ist nur wenige Kilometer von Misurata und der Front entfernt. Entlang der Strasse finden wir die schon gewohnte Trostlosigkeit vor. Es gibt kaum noch Versorgungseinrichtungen. Gleich bei der Ankunft sahen wir verschiedene zerst\u00f6rte Wohngeb\u00e4ude und Einrichtungen. In einem Geb\u00e4ude waren noch viele Leute, die protestierten und auf den Tr\u00fcmmern ausharrten. Es scheint, dass 4 Menschen, zwei Kinder, ihre Mutter und ihre Gro\u00dfmutter ums Leben gekommen waren. Ziel des Angriffes sei ein Professor gewesen, ein Freund der Familie Gaddafi, wie sie erz\u00e4hlten. Er scheint sich gerettet zu haben. Die Bomben haben das Haus im Morgengrauen getroffen. Einer sagt gleichsam als subtile Begr\u00fcndung f\u00fcr den Bombenangriff und den Mord, das Haus sei wohl zu sch\u00f6n f\u00fcr einen Professor gewesen. Wir fahren weiter, m\u00fcssen ein Krankenhaus besuchen. Wir machen eine Abzweigung. Es sieht nach einer Beerdigung f\u00fcr einige Menschen aus, die in der Morgend\u00e4mmerung starben. Wir kommen zu einer bescheidenen Moschee. Innen beten einige Hundert Menschen. Am Ende des Saales sind drei S\u00e4rge aufgereiht, auf die Sonnenstrahlen durch die Gitter ein bedr\u00fcckendes Mosaik zeichnen. Nach dem Gebet gehen die Menschen zu den S\u00e4rgen, schlagen die T\u00fccher zur\u00fcck, die das Grauen verh\u00fcllten. Wir sehen zwei f\u00fcrchterlich zugerichtete Kinder und einen Erwachsenen. Zwei M\u00e4nner weinen besonders laut. Einer ist der Vater, der andere der Bruder eines der Opfer. Die Gesichter der kleinen Kinder sind f\u00fcrchterlich entstellt. Einige Journalisten k\u00f6nnen die Tr\u00e4nen nicht zur\u00fcckhalten. Das ist der Krieg, wie ihn die Flugzeugpiloten niemals zu Gesicht bekommen.<\/p>\n<div class=\"mceTemp\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie bomben, meinen Hilfe zu bringen und bringen oft nur Tod und Zerst\u00f6rung. Wir warten bis die Leute die armen Opfer begraben. Am Schluss sehen wir wie der Bruder eines der Opfer mit dem Maschinengewehr hinauf zum Himmel ballert. Es sieht so aus, als wolle er damit sein ganzes Leiden und seinen Hass auf die, die sie massakrierten, aus dem Gewehrlauf schie\u00dfen. Er blickt zum Himmel hinauf und schreit etwas in Arabisch. Ich wei\u00df nicht was er sagt, aber alle k\u00f6nnen es sich vorstellen: \u201e Seht her, was ihr angerichtet habt. Welche Schuld hatten diese Kinder? Warum hasst ihr uns? Warum lasst ihr uns nicht in Frieden?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der R\u00fcckfahrt kommen wir an einer Schule vorbei, die von den Bomben komplett zerst\u00f6rt wurde. Ich frage ein Kind, ob es wei\u00df, warum sie getroffen wurde. Es gibt mir scherzhaft zur Antwort, es sei Ibrahim gewesen. Er wolle nicht in die Schule gehen. Anstatt \u00fcber seinen Scherz zu lachen, sieht es mich w\u00fctend an als es versteht, dass ich Italiener bin. Es dreht sich um und geht weg ohne sich nochmals umzusehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schule wurde um 5.30 am Morgen getroffen. Ein Journalist sagt uns, dass sie um diese Zeit bombardieren, weil sie wissen, dass die Kinder dann noch nicht in ihren Klassen sitzen. Ich frage: \u201eAber warum ein Schule\u201c? Die Antwort l\u00e4sst erschrecken: \u201eWeil sich Truppen und Soldaten der Regierung dort verstecken und w\u00e4hrend der Nacht ausruhen k\u00f6nnten. In den Kasernen w\u00e4ren sie ein leichtes Ziel f\u00fcr die Bombenangriffe\u201c. Das bedeutet, alles ist erlaubt, selbst die Bombardierung einer Schule, eines Kinderkrankenhaus, einer Moschee. Immer kann man sagen, es w\u00e4re ein legitimer Angriff gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So ist der Krieg. Inzwischen bereiten wir Italiener, Franzosen, Engl\u00e4nder, Amerikaner uns und nat\u00fcrlich unsere Pr\u00e4sidenten sich auf den Urlaub vor. Es macht nichts, wenn weitere Tausende Libyer, Milit\u00e4rs und Zivilisten tot sind, wenn wir zur\u00fcckkommen. \u201eDen Krieg musste man machen und machen wir. Wir reden nicht \u00fcber die toten Zivilisten. Wir denken, der Krieg wird gegen Gaddafi gef\u00fchrt und der ist uns nicht symphatisch. Wenn wir den Leuten klarmachen, dass der Krieg gegen ihn gef\u00fchrt wird, so ist er in Ordnung.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele namhafte Pers\u00f6nlichkeiten sagen, die Nato habe den Krieg und mit ihm ihr Gesicht verloren, als Millionen Menschen auf die \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tze gestr\u00f6mt sind und gegen diese Intervention und f\u00fcr ihren Revolutionsf\u00fchrer demonstriert haben. Sie k\u00f6nnen versuchen, das alles vor der Welt verheimlichen. Die Medien helfen ihnen dabei, filtern die Nachrichten, zensieren, was nicht bekannt werden soll. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter aber wird die Wahrheit herauskommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die Leute die Gesichter dieser Unschuldigen sehen w\u00fcrden, k\u00f6nnten sie verstehen, dass wir doch nicht so gut sind. Sie w\u00fcrden begreifen, dass man diesen Krieg h\u00e4tte vermeiden m\u00fcssen und stoppen muss, bevor unser letzter Rest an W\u00fcrde verloren geht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir sind eine Gruppe von Italienern, 4 M\u00e4nner und 4 Frauen. Am 28. Juli waren wir in Libyen eingetroffen. 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