Als Teil seiner expansiven und aggressiven Politik versucht Israel derzeit, auf libanesischem Boden eine „Pufferzone“ zu errichten. Dazu sind israelische Truppen in den Süden des Libanon einmarschiert; die israelische Luftwaffe bombardiert und zerstört die dortigen Siedlungen und vertreibt mit brutaler Gewalt die ansässige Bevölkerung. Über 1,2 Millionen Libanesen sind auf der Flucht. Nachstehend ein Bericht, den uns die libanesische Schwester Abou Naoum aus Kahale geschrieben hat. Von der Kleinstadt am Berg Libanon hat man einen guten Blick hinunter auf die libanesische Hauptstadt Beirut.
Brief von Schwester Abou Naoum aus Kahale am Berg im Libanon
Ich schreibe Dir diesen Brief und bete dabei. Mein Herz ist schwer und die Augen müde wie bei jemandem, der allzu viel Leid gesehen hat. Ich richte als Ordensfrau in diesem geschundenen Nahen Osten jeden Tag mein Gebet an Gott und bitte um Frieden: um einen wahren Frieden, der niemanden ausschließt; für uns Libanesen, gewiß, aber auch für die Israelis, für die Palästinenser, für die Iraner. Für Gott gibt es keine Pässe, es gibt nur seine Kinder. Mein größter Wunsch ist es, daß das Wort „Feind“ aus unserem Wortschatz gestrichen wird. Ich träume davon, daß an Orten, an denen sich Waffen und Barrikaden befinden, Krankenhäuser stehen, in denen Wunden geheilt werden, Schulen, in denen Kinder lernen, sich an den Händen zu halten, Werkstätten und Betriebe, in denen junge Menschen in Würde ihre Arbeit verrichten.
Die Realität vor meinen Augen ist jedoch ein Albtraum, der jede Hoffnung zerstört. Ich schreibe Dir aus Kahale, meiner kleinen Stadt in den Bergen. Von hier umfaßt mein Blick die Küste und wandert direkt hinab auf Beirut. Einst war es ein Ausblick, dessen Schönheit das ganze Herz erfüllte. Heute ist es ein Blick in die Hölle. Von hier oben, in der unwirklichen Stille der Berge, die nur vom unaufhörlichen Summen der israelischen Drohnen unterbrochen wird, sehe ich Säulen dichten, schwarzen Rauches aus der Hauptstadt aufsteigen. Ich sehe, wie West-Beirut und die südlichen Vororte, die mittlerweile täglich bombardiert werden, vor meinen Augen zu Staub werden. Ich höre das ohrenbetäubende Dröhnen der Bomben, das selbst hier, kilometerweit entfernt, die Fenster zittern läßt. Jedes Mal, wenn die Erde bebt, weiß ich, daß eine weitere Familie ausgelöscht wurde.
Du bittest mich, Dir die Wahrheit zu berichten. Zur Wahrheit gehören heute nicht nur die Rauchwolken, sondern auch Zahlen, die so ungeheuerlich sind, daß sie zum Himmel nach Rache schreien. Wir sprechen hier nicht von „militärischen Einrichtungen“, wir sprechen von einem Massaker an Unschuldigen. Die offiziellen Statistiken, kalt und gefühllos, sagen uns, daß wir bereits die Grenze von über tausend Opfern überschritten haben. Es gab Tage, an denen wir innerhalb von nur vierundzwanzig Stunden nahezu hundert Tote gezählt haben. Unter ihnen sind Dutzende von Kindern, Frauen, älteren Menschen, Krankenpflegern und Rettungskräften. Mehr als eine Million Menschen wurden gezwungen, aus ihren Häusern zu fliehen. Sie sind zu Obdachlosen in ihrem eigenen Land geworden.
Es gab besonders einen Tag, der bei uns eine noch blutende Wunde wieder aufgerissen hat: In nur zehn Minuten heftiger Bombardements auf ein dicht besiedeltes Gebiet hat Israel eine solche umfassende Verwüstung angerichtet, daß es uns allen vorkam, als würden wir den 4. August 2020 noch einmal erleben, den Tag der Explosion im Hafen von Beirut. Ganze Häuserblocks, zehnstöckige Gebäude, wurden dem Erdboden gleichgemacht und in ein graues Trümmerfeld verwandelt. Leben, Erinnerungen, die Mühen eines ganzen Lebens, alles in zehn Minuten pulverisiert.
Doch es gibt eine noch tiefere Wunde, die das innere Gewebe unseres geliebten Libanon zerreißt, und das ist eine Entwicklung, die mich mit unaussprechlichem Schmerz erfüllt. Dieser Krieg zielt systematisch und gnadenlos auf die mehrheitlich schiitischen Gebiete im Süden, im Bekaa-Tal und in den Vororten von Beirut. Ganze Orte wurden zur Flucht gezwungen. Diese armen Menschen fliehen nur mit den Kleidern, die sie am Körper tragen, und suchen Zuflucht in anderen Teilen des Landes.
Dabei entsteht eine Tragödie innerhalb der Tragödie, ein Konflikt, der unser Herz zerbricht: Als Christen, als Libanesen ist es unser erster Impuls, die Türen von Schulen, Kirchen und Klöstern weit zu öffnen und diese verzweifelten Brüder aufzunehmen. Doch diese Aufnahmebereitschaft wird heute durch Angst verhindert: Israel hat gezeigt, daß es selbst in als „sicher“ geltenden Gebieten gnadenlos Gebäude bombardiert, sobald es den Verdacht hegt, daß sich dort Personen aufhalten, die mit den anvisierten Volksgruppen in Verbindung stehen. Wer Unterschlupf gewährt, wird, ohne es zu wollen, selbst zu einem möglichen Ziel. Die Menschen haben Angst, Wohnungen zu vermieten; Nachbarn beäugen mißtrauisch Neuankömmlinge, sind terrorisiert von der Vorstellung, daß mitten in der Nacht eine Rakete vom Himmel niederschlägt und die benachbarte Wohnung trifft. Diese grauenhafte Vorstellung sät Mißtrauen und Schrecken, zerstört die Solidarität und Einheit, die wir zum Überleben so dringend brauchen.
Gestern hörte ich die Geschichte einer Mutter, die mit ihren drei Kindern aus dem Süden geflohen war. Sie lief stundenlang durch Trümmer, bevor sie eine Mitfahrgelegenheit nach Norden fand. Unter Tränen sagte sie mir: „Ich habe keine Angst vor dem Tod, ich habe Angst davor, zu leben und mitanzusehen, wie meine Kinder verhungern.“ Das ist unser Alltag. In vielen Gebieten sind die Schulen geschlossen oder zu Notunterkünften umfunktioniert, in denen sich Hunderte von Menschen wenige Räume teilen. Junge Menschen irren durch die Straßen und haben keine Zukunft mehr. Ihre Träume sind zerstört. Das Gesundheitssystem steht vor dem Zusammenbruch, Medikamente sind kaum zu haben, und die Ärzte arbeiten unter Bedingungen, die verzweifeln lassen. Trotzdem vollbringen sie zu jeder Stunde Wunder.
Lieber Freund, erzähle all dies weiter. Zeige diese Worte denen, die immer noch glauben, daß Krieg Gerechtigkeit bringen kann. Krieg bringt nur Armut, Haß und Zerstörung. Wir hier beten weiter, versorgen die Verwundeten, die wir erreichen können, und hoffen gegen alle Hoffnung, daß die Menschheit aus diesem Albtraum erwacht.






